Leben und Werk des Zementpioniers Friedrich Schott

Zeit der Pioniere

Die Baustoffindustrie war stets ein enger Begleiter der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Mit der Erfindung eines neuartigen Zements im Jahr 1824 durch den englischen Maurer Joseph Aspdin (*1778, †1855), den sogenannten Portlandzement, war ein neues Bindemittel auf den Markt gekommen. Der Portlandzement war dem seinerzeit verbreiteten Romanzement im Hinblick auf Verarbeitbarkeit und Festigkeitsentwicklung überlegen. Dennoch war der Zement noch lange nicht fertig entwickelt. Auf dem europäischen Festland wurden daher alle Anstrengungen unternommen, ein dem englischen Zement vergleichbares Produkt herzustellen. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis das Wissen über das benötigte Material vorhanden und der Chemismus der Abbindevorgänge im Wesentlichen verstanden worden war. Die junge Zementindustrie stellte besondere Anforderungen an die Wissenschaft, technisches Können, aber auch an kaufmännische Fähigkeiten. Friedrich Schott brachte einige dieser Eigenschaften mit.

Jüdisch-protestantisches Elternhaus

Er wurde am 27. Dezember 1850 in Gandersheim als Sohn von Emil August Schott und Louise Dernedde geboren. Geprägt wurde er durch seinen Vater, einem Forscher und belesenen sowie liberal eingestellten Menschen. Auf der anderen Seite durch seine Mutter aus bäuerlichen Verhältnissen, die ihm arbeitsam und streng protestantisch die Disziplin beibrachte. Sie musste oft die große Familie durch existenzielle Krisen führen.Friedrich Schott war einer der führenden Persönlichkeiten in der jungen Portlandzementindustrie. Er wirkte als Unternehmer, Forscher und Politiker von der Reichsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik.

Seine ethischen, moralischen und politischen Ansichten haben ihre Wurzeln in seinem Elternhaus. Jüdische Traditionen waren ihm durch seinen Großvater Benedikt und seinen Vater Emil geläufig, auch wenn sie später beide zum Protestantismus konvertierten. Von dieser Seite erlebte er insbesondere Bildung, Forscherdrang, das Leben nach gesetzten Vorschriften und Streben nach Einigkeit, aber auch Freigiebigkeit und Familiensinn. In beruflicher Hinsicht war er vom Vater Emil geleitet, der ihm chemische Grundkenntnisse beibrachte und ihn durch seine Experimente für die Zementherstellung interessierte. Durch die protestantischen Tugenden seiner Mutter Louise wurden in ihm Ausdauer, Genügsamkeit und eine praktische Orientierung gefördert. In jungen Jahren musste er während der Grundschulzeit zusammen mit seinem jüngeren Bruder Hermann mehrere Jahre bei Verwandten leben. Friedrich erhielt von seiner Mutter viel Lob als aufgeweckter und ältester Sohn und wurde von ihr schon früh in die Verantwortung für seine Geschwister gedrängt. So kam es, dass er als ältester Sohn auch oft die Vaterrolle und eine Führungsposition übernehmen musste, da sein Vater Emil oftmals längere Zeit nicht zu Hause war. Obendrein wurde Emil von Louise zwar als liebenswürdig, aber zunehmend als weltfremd und nicht lebenstüchtig dargestellt. Die wirtschaftliche Erfolglosigkeit des Vaters verbindet Friedrich enger mit der Mutter und ihren Tugenden.

Wissenschaftler, Ingenieur und Patriarch

Nach seiner Anstellung beim Portland-Cement-Werk Heidelberg, Schifferdecker & Söhne im Jahr 1875 wurde er zum Wohltäter der Familie und er sorgte für die Ausbildung seiner Brüder. Aufgrund seiner guten Ausbildung, seinem Selbstvertrauen und eigenen Forschungen gelang ihm der Einstieg bei Johann Philipp Schifferdecker und er meisterte die aufgetretenen Probleme. Der Fortschrittsoptimismus des Vaters übertrug sich auch auf ihn. Auch er setzte auf neue Technologien und tätigte größere Investitionen, kalkulierte aber den wirtschaftlichen Nutzen scharf. Seine Ideen und Forschungen waren dabei immer wissenschaftlich und technisch auf Höhe der Zeit und am Grundsätzlichen orientiert, so dass sie lange Gültigkeit behielten.Er sah Pflichterfüllung als eine Aufgabe, die jede Klasse für sich erledigen musste, die aber als einendes Band Obrigkeit, Unternehmer und Arbeiterschaft umschloss. Statt Recht und Gerechtigkeit zu fordern, sollte der Arbeiter Gehorsamkeit und Fleiß üben und damit selbst seines Glückes Schmied sein. Das brachte ihn in scharfe Opposition zu den Gewerkschaften und der SPD. Friedrich Schott erschuf an allen Standorten durchdachte Wohlfahrtseinrichtungen, ebenso Unterstützungskassen und Prämiensysteme, um die Arbeiter an das Unternehmen zu binden und in Abhängigkeit zu halten.

Organisator

Wesentlich für Schotts Erfolg war neben seinen wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten sein Verhandlungsgeschick. Geradezu eine Mission war es für ihn, die nationale Zementindustrie zu einigen, um einen Wettbewerb um jeden Preis zu vermeiden. Aus der Einigung in den Zementverbänden gingen die gut ausgebauten Heidelberger Zementwerke gestärkt hervor. Durch die Einsetzung seiner Brüder und seiner Söhne in leitenden Positionen hatte er über Jahre loyale und gleichgesinnte Unterstützung. Die einschneidenden Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg forderten noch einmal Friedrich Schotts Kampfgeist heraus. Er haderte aber mit den Neuerungen der Weimarer Zeit, tat sich schwer mit dem Rückzug aus Ämtern und bemängelte den neuen Führungsstil im Vorstand Ende der 1920er Jahre.

Der Heidelberger Portländer Beiträge zur Unternehmensgeschichte und Unternehmenskultur, Bd. 13

Leben und Werk des Zementpioniers Friedrich Schott
Wissenschaftler, Organisator, Patriarch, Mäzen

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Titelfoto: Friedrich Schott, HC-Archiv 121795
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